Die Geschichte unseres Traditionsgeschützes
Von Oberstleutnant a.D. Reinhard Böde
Verfasst im September 2015
Von Oberstleutnant a.D. Reinhard Böde
Verfasst im September 2015
Oktober 1985, unsere zweite Ägyptenreise ist angesagt. Meine Frau und ich wollen noch einmal die vielen „historischen Steine“ zuordnen, die bei unserer ersten Reise für mehr oder weniger Verwirrung gesorgt hatten. Wir wollten einfach unsere Kenntnisse von der Kultur der alten Ägypter vertiefen. Von den Pyramiden in Gizeh bei Kairo über die gewaltigen Bauten in Luxor und Karnak, den wunderbaren Hatschepsuttempel und die Gräber im Tal der Könige bis zum Felsentempel im Abu Simbel ganz im Süden gibt es dort wirklich viel zu sehen. Hinter den Bauten und Bildern zeigt sich ein untergegangenes Volk, dessen Religion als Grundthema die Unausweichlichkeit des Todes hatte – und das Ziel, den Tod zu überwinden.
Dienstag, 29. Oktober 1985. Wir sind auf dem Rückweg von einem Besuch des Luxor Tempels und machen noch einen kleinen Umweg, um einen Eindruck vom einfachen Leben der Ägypter zu bekommen – und ich finde etwas, was mich die nächsten Jahre faszinieren und beschäftigen wird: eine alte Kanone steht hier im „Unrat“ der Stadt Luxor.
Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen und werde neugierig. Rüber über die Mauer. Auf dem Bodenstück lese ich: Nr. 393, Friedrich Krupp Essen, 1871. Sofort fotografisch festhalten. Bei genauer Betrachtung stelle ich fest, dass Verschluss und Visiereinrichtung fehlen, ebenso die Protze. Ansonsten ist das Geschütz hervorragend erhalten, sogar die Sitzkörbe, auf denen einst zwei Kanoniere der berittenen Artillerie während der Fahrt saßen. Wie dieses Krupp-Geschütz damals den Weg nach Ägypten fand, sollte ich später herausfinden. Gedanklich jedenfalls ließ mich dieser Fund nicht mehr los. Wie schafft man es, sie nach Deutschland zu bringen?
Nach der Reise nehme ich Verbindung zum Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg auf. Antwort: es handelt sich um ein Geschütz der Baureihe C 64, Kaliber 9 cm. Es war damals weltweit der erste funktionsfähige Hinterlader und somit das modernste Geschütz seiner Zeit. Ab 1866 wurde die Preußische Artillerie mit diesem Geschütz ausgerüstet.
Später sollte sich herausstellen, dass die richtige Typenbezeichnung C 71 ist. Kleine Veränderungen, wie z.B. am Verschluss und mit einer Stahl- statt Holzlafette ändern aber an der Grundkonstruktion nichts.
Im Krieg 1870/71 hat dieser Geschütztyp wesentlich zum Sieg über Frankreich beigetragen. Eine deutlich höhere Feuergeschwindigkeit und eine ebenso deutlich höhere Reichweite waren die Gründe für die Überlegenheit gegenüber der französischen Artillerie. Nach diesem Krieg und der Reichseinigung wurde die C 64 – später das Nachfolgemodell C 71 – Standardgeschütz der neu formierten deutschen Artillerie. Die Nummernbezeichnung ist das jeweilige Entwicklungsjahr.
Das Militärgeschichtliche Forschungsamt war sofort hoch interessiert. Es würden hier in Deutschland nur noch drei Exemplare dieses Typs existieren, jedoch nur mit dem Kaliber 8 cm. Und die waren bei weitem nicht in dem Erhaltungszustand wie die in Luxor, Räder usw. waren ersetzt worden. Das trockene ägyptische Klima hatte über die vielen Jahrzehnte dem Kruppstahl und der deutschen Eiche nichts anhaben können. Ich merkte, dass dieser Fund sofort Begehrlichkeiten weckte. Das Militärmuseum Rastatt hätte das Geschütz gern, ebenso das Bayerische Militärmuseum in Ingolstadt. Wachsamkeit und geschicktes Vorgehen waren angesagt.
Wir, die 85er, hatten ja seit Jahren die Tradition des ehemaligen Feldartillerieregiment 2 Stettin übernommen. In Unterlagen, die die Offiziere des Bataillons in den Jahren 1968/69 über die Geschichte unseres Traditionsverbandes erarbeitet hatten, fand ich den Hinweis, dass dieses Regiment damals mit diesem Geschütztyp ausgerüstet war.
Was lag da näher, sich dafür einzusetzen, dass wir dieses Geschütz zu uns nach Lüneburg holen, um „Tradition zum Anfassen“ zu präsentieren. Die Frage war nur, wie man dieses Museumsstück aus Luxor für uns gewinnen kann? Mir war klar, dass man hier lange „dicke Bretter“ bohren musste.
Eine einmalig günstige Konstellation von Vorgesetzten ließ sich für dieses Vorhaben begeistern. Oberstleutnant Hans-Georg von Kowalkowski, damals Bataillonskommandeur, war sofort dabei. Der Brigadekommandeur, Oberst Dr. Freiherr Günter von Steinaecker, Artillerist. Der Divisionskommandeur, Generalmajor Jörg Schönbohm, Artillerist. Ein paar Wochen später besucht Verteidigungsminister Manfred Wörner die Panzerbrigade 8, er erhält einen Bittbrief mit Fotos der Kanone in einem aufwendigen Bilderrahmen, darauf ein Messingschild mit der Aufschrift: „Unserem Bundesverteidigungsminister von der Interessengemeinschaft C 64 Lüneburg“.
Der Minister will sich der Sache annehmen. Eingeschaltet wird der Militärattaché in Kairo, Oberst Eberhard Möschel, ein weiterer Glücksfall. Er ist Luftwaffenoffizier (!) und lässt sich für unser Vorhaben nicht nur begeistern, er macht sie „zur persönlichen Sache“, wie aus dem
Schriftverkehr zu ersehen ist. Ich erhalte eines Tages aus Kairo einen Anruf von ihm. Er will die Kanone persönlich in Augenschein nehmen und bittet um eine mündliche Lagebeschreibung. An einem Wochenende fährt er nach Luxor zur Erkundung.
Es beginnt eine wohl einmalige diplomatische Aktivität um dieses Prachtstück. Nach langem Hin und Her – wie sich später herausstellte, handelt es sich hier um die „Ramadan-Kanone“ der Stadt Luxor – erklärt sich Ägypten bereit, das Geschütz herauszugeben. Gegengaben werden aber erbeten. Die Liste ist lang, dabei ist auch der Wunsch nach einer 8,8 cm Flak aus dem 2. Weltkrieg.
Dazu ist Geld erforderlich. Es werden Kanonenfeste gefeiert, um Geld für die Beschaffung der „Gegengaben“ zu sammeln. Das erste am 21. Juni 1986. Der Traditionsverband spendet, ebenso die Patenstadt der 1. Batterie, die Stadt Bleckede. Firmen in Lüneburg spenden fassweise Bier. Das Heeresmusikkorps spielt auf. Der Exerzierplatz ist festlich hergerichtet.
Es werden 850 Liter Bier verkauft und getrunken, 630 Spießbraten bereitet unsere Küche zu, bei Bombenwetter und Bombenstimmung feiert das Panzerartilleriebataillon 85, es erscheinen viele Gäste. Familienangehörige, Abordnungen aus den Patengemeinden, Firmenvertreter und natürlich auch unsere Kameraden vom Traditionsverband. Erwirtschaftet wird eine stolze Summe in Höhe von mehr als 3.000,00 DM.
Am 19. Januar 1988 wird dem Bataillon per Fernschreiben mitgeteilt, dass die ägyptische Seite bereit ist, die Kanone der Deutschen Bundeswehr als Schenkung zu überlassen. Die Freude ist groß.
117 Jahre nach der Herstellung des Geschützes sollte es nun wieder zurück nach Deutschland kommen. Dazu fliege ich am 29. Juli 1988 von Penzing mit einer Transall des LTG 61 nach Kairo, dabei mein Batteriefeldwebel, Hauptfeldwebel Peter Monréal.
In einer Kiste die „Gegengaben“ für die Ägypter, die ich hier erworben habe und die als Museumsgut deklariert sind. Inhalt: 3 Maschinenpistolen MP 40 für 680,00 DM pro Stück und 2 Sturmgewehre Modell 44 für je 1.200,00 DM. Die Waffen liefert die Firma Sturm aus Rottenburg a.N.. Incl. 14 % MWSt überweise ich nach dort 5.061,60 DM. Es versteht sich von selbst, dass der Bund keine Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt hat, nun aber beginnt, Ansprüche anzumelden.
Kairo, 31. Juli 1988, drei Jahre nach Auffinden der Kanone: Auf der Zitadelle von Kairo, einst eine der mächtigsten Festungen im islamischen Raum, ist eine feierliche Übergabe vorbereitet. Beim ersten Blick auf unser Schmuckstück kommt Freude auf, sogar der Verschluss ist montiert. Er fehlte beim Auffinden in Luxor.
Auf dem Freilichtteil des Militärmuseums ist ein Baldachin installiert, rote Teppiche sind ausgerollt, dort steht die Kanone. Im Beisein des ägyptischen Generals der Artillerie, vier weiteren Generalen, dem deutschen Botschafter, unserem Militärattaché und anderer Prominenz werden Reden gehalten, dann erfolgt die Übergabe. Anschließend findet ein Empfang in den herrschaftlichen und historischen Räumen der Zitadelle statt.
Die Transall, die auf dem Hinflug Versorgungsgüter für das deutsche Kontingent in Somalia transportierte, macht auf dem Rückweg eine Zwischenlandung in Kairo, um uns aufzunehmen. Auf abenteuerliche Weise wird die C 71 auf einer schiefen Ebene mit Muskelkraft in die Maschine gehievt.
Am 27. September 1988 feiert das Bataillon die Ankunft der Kanone. Um 15.00 Uhr beginnt der Bataillonsappell, anwesend sind unterer anderem der Divisionskommandeur, Generalmajor Jörg Schönbohm, der Brigadekommandeur Oberst Michael von Scotti und der Regimentskommandeur des Artillerieregiment 3, Oberst Caspar Alte und natürlich Angehörige unsere Traditionsverbandes. Das Heeresmusikkorps spielt wieder auf. In Reden wird über die Bedeutung und Wichtigkeit von Tradition gesprochen. Es wird ein rauschendes Fest mit Bier und Spießbraten, das bis in die Dunkelheit dauert. Wir haben jetzt Tradition zum Anfassen!
Ziel ist, die Kanone so zu restaurieren, dass sie die historischen Farben – Preußisch Blau – des ehem. F.Art.Regt. 2 Stettin erhält, so wie sie damals in Stettin aussah. Fachmännischer Rat war gefordert. Das Militärgeschichtliche Museum – Schloss Rastatt – wir um Unterstützung gebeten. Das Geschütz begeistert dort so, dass sie einen Restaurator entsenden, der mit der Waffengruppe der 1. Batterie an die Arbeit geht. Nach 14 Tagen sind auch die Details so wiederhergerichtet, dass man beinahe von einem originalgetreuen Zustand sprechen kann. Es fehlt nur die Visiereinrichtung.
Oberste Reihe: (?), (?), Oberstleutnant Hans Joachim Hövelmann, Major Reinhard Böde, Oberleutnant Kai Friedrich Papendorf
Mittlere Reihe: (?), Hauptmann Reiner Schacht, Hauptmann Thomas Eckel, Oberleutnant
Ulf Hansen, Hauptmann Dieter Frings, Regierungsinspektorin Annet Allkämper
Untere Reihe: Oberfeldwebel OA Werner Kaiser, Oberleutnant Axel Binder, Hauptmann
Ralf Stamsen, Major Harald Katz, Regierungsoberinspektor Joachim Möller, Hauptmann Hans Gerd Hammans, Stabsarzt Dr. Harald Trein
Mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Zerfall der Sowjetunion ist Deutschland „nur noch von Freunden umzingelt“. Die Bundeswehr wird von ehemals 495.000 Soldaten (ohne NVA) auf 370.000 und dann später weiter stark verringert. Die gesamte Panzerbrigade 8 „Lüneburg“ wird aufgelöst, damit auch das Panzerartilleriebataillon 85. So erlischt auch die Pflege der Tradition unseres Traditionsverbandes, die dem Bataillon am 3. Mai 1963 übertragen wurde.
Es ist die Tradition eines stolzen Regiments, dessen Wurzeln im Jahre 1807 in Kolberg liegen. Bekannt ist kriegsgeschichtlich das Schillsche Freikorps, das sich in den Freiheitskriegen gegen Napoleon heroisch geschlagen hatte.
Unser Traditionsgeschütz wird an die Wehrwissenschaftliche Sammlung in Koblenz übergeben. Dort steht es etwas stiefmütterlich unter vielen anderen Waffen. Und wenn sich diese Kanone – wenn sie fühlen könnte – einst bewundert im Mittelpunkt eines Verbandes gesehen hat, so führt sie nun nur noch ein Schattendasein. Wer nach Koblenz kommt, sollte sie besuchen, Streicheleinheiten sind erwünscht.
Hauptmann a.D. Werner Zeletzki, Oberstleutnant a.D. Reinhard Böde, Stabsfeldwebel a.D. Helmut Czypek, Stabsfeldwebel Manfred Hänelt, Oberstleutnant Peter Altmannsperger
Die Firma Krupp wurde gebeten, in ihren Archiven zu blättern. Man wurde fündig: Die herausragenden Qualitäten des Geschützes im Krieg 1870/71 hatten sich weltweit herumgesprochen. Das Vizekönigreich Ägypten kaufte daraufhin 100 C 71 Kaliber 8 cm und 400 Kaliber 9 cm. Eine davon ist unsere Kanone.
Weitere Lieferungen gingen nach China (254 Stück 8 cm), nach Spanien (218 Stück 8 cm) und in die Türkei (653 Stück 8 cm und 461 Stück 9 cm)
Die Preußische Artillerie erhielt insgesamt 1.666 Waffensysteme.
Kaliber | 8 und 9 cm |
Züge | 16 |
Schussweite | 3.440 m |
Gewicht insgesamt | 4.270 kg mit Protze und Mannschaft, kriegsmäßig ausgerüstet |
Gewicht des Rohres | 850 kg |
Munitionsarten | Granatgeschosse Brandgeschosse Kartätschgeschosse |