Eine Nacht im November

(entnommen aus der Festschrift „30 Jahre PzArtBtl 85“)

Alle Jahre wiederholt sie sich: die Novembernacht in der „Ersten“. Sie ist schon legendär und sorgt schon Tage vorher für Unruhe und Spannung. Die Novembernacht ist eine Durchschlageübung, bei der die Männer vom Panzerkanonier bis zum Kommandeur beweisen, dass sie nicht nur Spezialisten, Fachleute oder Führer sind, sondern dass sie sich mit ihren Teileinheiten als eine verschworene, belastbare Truppe fühlen, die jede Lage meistern kann.

Und so lief sie zum Beispiel ab:

16.30 Uhr. Start in Lüneburg. Mit Marschgepäck, Stahlhelm und Waffe geht die Fahrt ins Ungewisse. Nur der Chef und ein paar Eingeweihte wissen, wo es hingeht. Es ist schon dunkel, als die Teileinheiten einzeln irgendwo ca. 40 km Luftlinie von Lüneburg entfernt in unbekanntem Gelände abgesetzt werden. Wald ringsherum, noch sternenklarer Himmel. Die Göhrde ist es ganz sicher. Aber wo nur?

17.47 Uhr. Der eigene Standort ist grob bestimmt, der Kompass zeigt die Richtung. Der nächste Kontrollposten ist zwar auf der Karte eingezeichnet, aber wo sind wir jetzt genau? Der Führer, ein Stabsunteroffizier, ist jetzt stark gefordert. Die Männer können sich auf ihn verlassen. Die ersten Kilometer sind marschiert, überall herrscht Zuversicht, alles ist wohlauf. Man genießt sogar bei Dunkelheit die herrliche Landschaft. Der „Breeser Grund“ – ein wunderschönes Stück Heidelandschaft mit knorrigen alten Eichen – wird erreicht. Hirsche röhren.

18.48 Uhr. Der Stabsunteroffizier war pfiffig. Ohne weite Umwege ist der erste Kontrollpunkt erreicht. Aufatmen! Plötzlich eine Einlage. Der Führer des Kontrollpostens zeigt auf eine Kiste mit unzähligen Einzelteilen. Zerlegte Waffen in einer Kiste. MG, G3, MP, P1. Zusammensetzen nach Zeit, ein Schuss Manövermunition muss zum Schluss brechen. Zeichen für die Funktionsfähigkeit der einzelnen Waffen. Geschafft! Kein Problem für uns.

19.15 Uhr. Der nächste Anlaufpunkt ist befohlen. Jetzt geht es nach Kompasszahl über einen gepflügten Acker. Das braucht Kraft. Das Gepäck beginnt zu drücken, nach jedem Schritt muss man den Stiefel aus der feuchten Erde ziehen.

20.42 Uhr. Ein Toter Briefkasten soll gefunden werden. Zuvor „Rätselraten“. Mit einer komplizierten Denksportaufgabe müssen die Koordinaten gefunden werden. Die Denker in der Gruppe haben das Sagen. Suchen. Irgendwo soll Trassier Band flattern. Die Nacht ist jetzt stockdunkel. Nebel kommt auf. Licht ist zu meiden. Jagdkommandos sind unterwegs. Wird man gefangen, geht es per LKW 5 Km zurück.

21.23 Uhr. Gefunden. Erleichterung in allen Gesichtern. 15 Km geschätzt sind marschiert.

23.40 Uhr. Chinesenralley überstanden. Kontrollpunkt erreicht. Es gibt heißen Tee, der köstlich schmeckt. Die ersten Blasen drücken. Der tiefe Acker war schuld.

01.17 Uhr. Übergang über den Elbe-Seiten-Kanal steht bevor. Jagdkommandos? Spannung in allen Gesichtern. Erschöpfung nach nun wohl 30 Km deutet sich an. Von Romantik ist keine Spur mehr. Fünfmal geschlossener Sprung in den Graben, weil sich Kfz nähern. Jagdkommando vermutet. Erkundung der Brücke. Ergebnis: Feindfrei. Glück gehabt, rasch rüber.

03.02 Uhr. Sanitätsstation gefunden. Es ist jetzt feucht und kalt. Erste-Hilfe-Einlage. Tragen eines Verwundeten über 1.000 m nach Zeit auf einer Behelfstrage. Der leichteste Kamerad wird dazu ausgewählt. Abwechselnd wird im Laufschritt geschleppt. Das erfordert Kräfte. Die Arme werden immer länger und die Beine immer schwerer. Erschöpfung bei allen. Atemlos wird das Ziel erreicht, eine Pause ist erforderlich. Hungergefühl fehlt, aber der Durst plagt. Nun schmeckt das Wasser aus der Feldflasche.

05.18 Uhr. Die Ilmenau ist an der Teufelsbrücke überschritten. Noch 2 Km bis zur Kaserne, sie erscheint jetzt noch unwahrscheinlich weit entfernt. Jeder Schritt schmerzt, das Gepäck drückt unbarmherzig auf den Schultern, das G3 ist schwer wie Blei. Sehnsucht nach der Unterkunft. Kurz vor 06.00 Uhr marschieren wir durch das Kasernentor. Noch einmal zusammenreißen.

06.04 Uhr. Meldung beim UvD. Wir sind die erste Teileinheit in der Kaserne. Stolz kommt auf. Aber sind wir auch insgesamt die beste Gruppe? Wir werden es nach der Gesamtauswertung erfahren. Waffenreinigen, Frühstück, Duschen. Herrliches Gefühl. Völlig gerädert fällt man ins Bett. Alles läuft noch einmal wie in einem Film ab. Was fühlt man so? Stolz auf die eigene Leistung? Auf den Zusammenhalt, die Leistungsbereitschaft aller? Es war eine echte Herausforderung. Einen ganzen Roman könnte man über eine solche „Novembernacht“ schreiben. Nur nicht heute. Jetzt nur noch schlafen.

MB